Die Prägungsphase ( 4. bis 7. Woche)

Der folgende Text ist ein Zitat von Eberhard Trumler aus seinem Buch:
“Hunde ernst genommen”, Piper Verlag,1999, 5.Auflage

Die Sinnesleistungen unserer Welpen sind nun voll entwickelt und ermöglichen auch allmählich ein genaues Orten von Wahrnehmungen über Nase, Ohren und Augen. So werden nun mit angespannter Körperhaltung Bewegungsvorgänge in der Umgebung aufmerksam verfolgt. Die Befähigung zur Fortbewegung reift in diesen Wochen rasch und entwickelt sich vor allem im Spiel zu größerer Schnelligkeit, Wendigkeit und Sicherheit. Welpen größerer und schwerer Hunderassen wirken am Ende der siebten Lebenswoche freilich noch weit tolpatschiger als gleich alte Welpen kleinerer Rassen, Dingowelpen oder gar die so frühreifen Schakalwelpen. Diese zunehmenden Fähigkeiten beruhen auch auf einem sich stetig steigernden Bewegungsbedürfnis; dementsprechend werden auch die Schlafperioden kürzer.

Die Welpen, deren Gebiß sich nun schnell entwickelt, interessieren sich schon sehr für das Futter der Eltern und haben auch das Recht, es ihnen fortzunehmen. Schweigend erlaubt es selbst der Rüde, daß ihm ein Welpe einen Futterbrocken aus dem Rachen zieht. Am Anfang wird das Fleisch freilich nur durchgequetscht, aber bald lernen es die Welpen, kleinere Stükke loszureißen und zu verschlingen. Sie sind dabei imstande, walnußgroße Fleischstücke ohne Schwierigkeit herunterzuwürgen. Sollte der Welpe zuviel auf einmal verschluckt haben — etwa aus Futterneid —‚ dann zieht er sich in eine stille Ecke zurück, würgt die Brocken wieder hervor und fängt von neuem mit dem Fressen an.

Die Welpen saugen natürlich immer noch bei der Mutter. Gewöhnlich bis zum Ende dieser Periode, aber unsere Umzüchtung zum Haustier hat auch schon Hochleistungs-Milchhunde hervorgebracht, die mit der Milchproduktion sogar viele Wochen später nicht aufhören wollen. Anfänglich liegt man noch im Lager zum Saugen, aber je mehr die Welpen sich außerhalb des Lagers herumtreiben, um so häufiger wird nun auch im Freien getrunken. Bald sitzt die Hündin ebenfalls dabei, und schließlich säugt sie ihre Welpen oft im Stehen. Aber immer häufiger flüchtet sie vor den unersättlichen Plagegeistern, deren nadelspitze Zähnchen auch für eine derbe Hundezitze zur Qual werden. Kann sich die Hündin nicht vor den Welpen an einen für jene unerreichbaren Ort zurückziehen, dann vertreibt sie diese knurrend vom Gesäuge.

Beim Saugen können wir jetzt beobachten, wie der Milchtritt seine bisherige Starrheit in der Ausführung verliert. Trinkt ein Welpe an der stehenden Hündin, kann er den Milchtritt oft nur mit einer Pfote ausführen, da er sich mit der anderen aufstützen muß. Ich habe in meinem ersten Hundebuch »Mit dem Hund auf du« bereits ausgeführt, wie nun der Milchtritt auf diese Weise zum »Pfötchengeben« wird, im normalen innerartlichen Verkehr eine bei allen Hundeartigen verbreitete Beschwichtigungsgebärde.

Überhaupt können wir jetzt schon bei den Welpen eine ganze Reihe sozialer Verhaltensweisen erkennen: das Wedeln mit dem Schwanze als Ausdruck freudiger Erregung und Zuwendung, das Einklemmen des Schwanzes als Ausdruck ängstlicher Ergebenheit, oder das schon geschilderte Mundwinkelstoßen, Ausdruck freundlicher Ergebenheit und Zuneigung. Die Welpen streiten schon recht zornig um Futterbrocken, sträuben dabei das Fell, legen die Ohren an, ziehen die Mundwinkel zurück und entblößen knurrend die Zähne.

Zwar ist die Heimbindung und die Bindung an die Mutter noch ausgeprägt erhalten, doch wagen sich die Welpen täglich weiter vom Lager weg, vor allem, wenn sie dabei den Eltern folgen können. Entfernen sich diese aber weiter als 30 oder später 50 Meter, bleiben die Welpen zunächst unschlüssig stehen und ziehen es vor, doch lieber wieder zum Lager zurückzukehren.

Neugier und Lerntrieb treten nun stark in den Vordergrund und kennzeichnen das ganze Welpenleben. Alles wird erkundet und probiert, an allen erreichbaren Dingen wird versuchsweise herumgekaut. Letzteres erinnert an Kleinkinder, die ja auch versuchen, alles in den Mund zu stecken.

Zweifelsohne gibt es jetzt zahlreiche angeborene Lerndispositionen, die zu schnellen Lernerfolgen im Bereich des Nahrungserwerbs und des Sozialverhaltens führen. Gerade sie müßten noch sehr sorgfältig studiert werden, denn im allgemeinen sind solche besonderen Lernbegabungen ganz spezifisch auf passende Altersstufen verteilt und müssen eben in der jeweiligen Zeit ausgenützt werden. Kann der Welpe von einer solchen Lernphase keinen Gebrauch machen, besteht nach allem, was ich hier bislang beobachten konnte, die akute Gefahr, daß Störungen bei den jeweils zugeordneten Verhaltensmustern eintreten oder überhaupt Teile des generellen Lernvermögens lahmgelegt werden. Außerdem lassen sich diese verschiedenen Lerndispositionen für Sozialverhalten besonders für die künftige Einstellung des Hundes zum Menschen auswerten.

Mir scheint, daß gerade in diesen Wochen das Lernen von vielen vorprogrammierten Lernbefähigungen bestimmt wird, die zeitlich begrenzt sind, dafür aber das Gelernte zeitlebens festlegen. Mit anderen Worten: Das, was in dieser Zeit nicht gelernt wird, kann niemals mehr nachgeholt werden.

Bei solchen eng begrenzten, zeitlich festgelegten Lernvorgängen sprechen wir von Prägung. Einer solchen Prägung entspricht das künftige Verhältnis des Hundes zum Menschen. Das wenigstens konnte ich bislang genauer analysieren.

Wenn wir täglich in dieser Zeit den Welpen die Möglichkeit bieten, sich mit unserer Hand zu befassen, dann werden aus diesen Welpen dem Menschen gegenüber ausgesprochen kontaktfreudige Hunde. Bieten wir den Welpen diese Möglichkeit während dieser Zeit nur wenige Male, dann werden aus ihnen kontaktarme Hunde. Vermeiden wir in dieser Zeit jede Möglichkeit, daß der Welpe uns beschnuppert, wird es zwischen Mensch und Hund niemals einen Kontakt geben, auch wenn wir uns nach der siebten oder achten Lebenswoche noch so um die Junghunde bemühen. Das Beste, was wir danach noch erreichen können, ist eine gewisse Zahmheit; benehmen wir uns aber ungeschickt, wird der Hund zum Angstbeißer.

Wir haben hier in dieser Richtung viele Versuche angestellt. Es genügt z. B. nicht, daß der Welpe den Menschen täglich sieht, es genügt auch nicht, daß er direkt aus der Hand des Menschen sein Futter bekommt. Er muß unbedingt Berührungskontakt mit dem Menschen bekommen, wobei wohl der Geruch entscheidend ist. Es hat sich auch gezeigt, daß Welpen, die nur mit einem Menschen derartigen Kontakt aufnehmen konnten, späterhin fremden Menschen gegenüber unsicher und kontaktarm blieben, während Welpen, die von vielen Menschen gestreichelt wurden, sich zu richtigen Allerweltshunden entwickelt haben, die mit jedem fremden Menschen bereitwillig Kontakt aufnehmen.

Da der Hund ja erfahrungslos zur Welt kommt und seine Artgenossen erst nach dem 18. Lebenstag wahrnehmen kann, muß es einen Mechanismus geben, der das Bild vom Artgenossen unverrückbar für alle Zeiten festlegt. Wenn nun in dieser Zeit zusätzlich der Mensch in Erscheinung tritt und vom Welpen genauso beschnuppert werden kann wie Eltern und Geschwister, dann wird auch er zum Artgenossen, der Welpe wird also auch auf ihn geprägt.

Wie unselektiv dieser Vorgang ist, beweist ein Versuch des Hundeethologen Fox, der Chihuahua-Welpen Katzenwürfen einschmuggelte und von den Katzenmüttern aufziehen ließ. Diese Welpen waren zunächst völlig auf Katzen geprägt und konnten, als sie später normal aufgezogenen Welpen der gleichen Rasse konfrontiert wurden, mit jenen nichts anfangen.

Freilich kann so ein »verkehrt« geprägter Hund später dann doch dahinterkommen, daß andere Hunde Artgenossen sind. In einem derartigen Fall ist die Prägung nicht unverrückbar, denn als Nasentier hat der Hund die Möglichkeit, die Ähnlichkeit seines eigenen Geruches mit dem anderer Hunde zu bestimmen. Er kann dadurch die Barriere überwinden, da ihm ein derart ähnlicher Geruch nicht als fremd, feindlich oder abstoßend erscheint.

Einen ähnlich prägungsartigen Vorgang scheint es nach meinen bisherigen Beobachtungen auch hinsichtlich der Futterwahl zu geben. Hunde, die in diesem Alter niemals rohes Fleisch erhielten, lassen sich späterhin nur sehr mühsam, wenn überhaupt, daran gewöhnen. Die Erfahrung der Eltern bedingt ja, daß der Welpe nur Nahrung erhält, die für einen Hund bekömmlich ist. Es ist also zweckmäßig, wenn dieses Nahrungsangebot sich dem Welpen einprägt, damit er später einmal nicht Gefahr läuft, z. B. giftige Pilze zu versuchen, sondern einfach bei dem bleibt, was sich bewährt hat, und auf das er geprägt ist.

Wahrscheinlich können wir noch mit mehr derartigen vorgegebenen und zeitlich begrenzten Lernmechanismen in diesem Alter rechnen, deren genauere Kenntnis für die Erziehung der Welpen zu guten Hunden für uns mancherlei praktischen Wert haben könnte. Auch wenn man diese Möglichkeiten nicht überbewerten will, so scheint doch die Wahrscheinlichkeit sehr groß, daß zumindest manches von dem, was der Hundeführer als das »Wesen« im Sinne von angeborenen Charaktereigenschaften nennt, in dieser Zeit beeinflußbare, also umweltabhängige Wurzeln hat.

In diesem Sinne halte ich es für sehr nützlich, das Heranwachsen von Welpen innerhalb einer intakten Hundefamilie zu beobachten und dann vor allem auch auf die Rolle des Rüden zu sehen. Wir müssen dabei von der Überlegung ausgehen, daß die heranwachsenden Welpen im Alter von sechs bis sieben Monaten für das Elternpaar brauchbare Rudelgenossen werden.

Wir können in unseren Zwingern feststellen, daß die Eltern in dieser Entwicklungsperiode der Welpen überaus duldsam sind und den Kleinen sehr viel »Narrenfreiheit« lassen. Der Vater spielt geduldig mit den Welpen, allerdings bleibt er anfänglich noch ziemlich grob, als wollte er sie auf ihre Widerstandskraft testen. Aber der tiefere Sinn liegt wohl darin, daß auf diese Weise die Welpen sehr bald lernen, die notwendigen Beschwichtigungsrituale vorzubringen, ehe es noch zur tätlichen Auseinandersetzung kommt. Das lernen die Welpen tatsächlich recht bald, und sie erproben es dann sogar mit erstaunlichem Einsichtsverhalten. So kann man sehr heitere Szenen erleben:

Ein Welpe läuft zum ruhenden Vater, baut sich vor ihm auf und vollführt sein Pfötchengeben unter lauten Angstschreien (die auch eine Aggressionshemmung darstellen). Dann beißt er den Alten blitzschnell in die Nase und läuft — man ist versucht, zu sagen: lachend — davon.

Solche Methoden werden auch angewandt, wenn ein Welpe einem Althund einen Futterbrocken wegnehmen will. Wenn der, erstaunt über das Getue des Welpen aufschaut, packt dieser flugs den Brocken und saust damit ab. Man kann natürlich Sozialverhalten auch so einüben.

Durch diese und ähnliche Dinge entwickelt sich zugleich ein festes Vertrauensband zum Rüden, der nun allmählich anfängt, die Welpen ein wenig zu disziplinieren, was gegen Ende dieses Lebensabschnittes deutlicher sichtbar wird. So knurrt er sie jetzt auch an, wenn sie ihm allzu lästig werden und verscheucht sie.

Besonders interessant wird das alles, wenn außer dem Wurf noch weitere Geschwister aus einem früheren Wurf der Eltern im Zwinger sind. Sie sind die Hauptspielpartner der Welpen in dieser Zeit. Werden sie aber einmal im Eifer des Vergnügens zu heftig, dann fährt der Rüde sofort dazwischen und weist den Grobian in die Schranken. Ebenso achtet er darauf, daß kein anderer Hund an das Futter geht, solange die Welpen daran sind, und auch die noch säugende Hündin hat das Vorrecht beim Futter.

Abschließend zu diesem Lebensabschnitt möchte ich noch zwei ausgewählte Beispiele bringen, die verdeutlichen, wie die Vater-Welpen-Beziehung in diesem Lebensabschnitt festgelegt wird.

Die durch eine inzuchtbedingte Mutation farbverblaßte Dingohündin Arta habe ich mit ihrem um ein Jahr jüngeren Bruder Arms — ebenfalls farbverblaßt — verheiratet. Als die Geburt der Welpen bevorstand, holte ich meine Arta in den Geburtenzwinger. Dort bekam sie programmgemäß 6 >Silber< also wieder Farbverblasser. Fünf davon beließ ich ihr, und als sie 72 Tage alt waren, übersiedelte ich sie mit ihrer Mutter in den väterlichen Zwinger.

Der Erfolg war erschütternd! Arms biß sofort einen der Welpen tot und wurde danach von Arta energisch daran gehindert, weitere Welpen anzugreifen. Es gelang ihm dann aber doch noch, einen der Welpen so zu verletzen, daß ich ihn einschläfern mußte. So blieb mir nichts anderes übrig, als die Welpen wieder aus dem Zwinger herauszuholen.

Der nächste Wurf erfolgte direkt im Zwinger. Diesmal jedoch benahm sich Arms genauso zu seinen Kindern, wie das ein normaler Hundevater zu tun pflegt. Ganz entschieden war also das Verhalten der zunächst vaterlos aufgewachsenen Welpen des ersten Wurfes fehlentwickelt, und das hat diese brutale Reaktion des Rüden ausgelöst. Ich muß noch zweierlei ergänzen. Einmal den Umstand, daß die Welpen in diesen zehn Wochen außerordentlich viel Kontakt mit dem Menschen hatten und vom frühesten Lebensalter an in einem ungetrübten Vertrauensverhältnis zu ihrer Umwelt aufwuchsen; dazu gehörten zweitens auch noch einige besonders gutmütige, welpenfreundliche Hunde des Hauses, wie die Dogge Sandra oder die Schäferhündin Rana. Es gab also für diese allzu wohlbehüteten Welpen kaum je Gelegenheit, die üblichen Unterwerfungshandlungen auszuführen.

Nun das zweite Beispiel. Die Dingohündin Sydney hatte ich einmal mit ihren fünf Welpen ganze zwölf Wochen im Geburtszwinger gehalten. Ich habe die Welpen absichtlich wenig angefaßt, und sie waren danach kaum auf den Menschen geprägt. Nur wenn der Mensch vor dem Gitter stand, wagten sie es, seine Hand zu lecken. So konnte sich bei ihnen ein gewisses Scheuverhalten entwickeln. Wie wir im Anschluß noch sehen werden, ist der Reifezustand gegen Ende der zwölften Lebenswoche ganz erheblich gediehen. Als ich nun diese fast dreimonatigen Welpen mit ihrer Mutter in den Zwinger ihres Vaters Paroo brachte, wurden sie schon sehr gut mit jenem fertig. Freilich war dann weiterhin sehr klar zu sehen, daß Paroo mit seiner Vaterrolle viele Schwierigkeiten hatte — die Junghunde waren einfach zu respektlos und nicht mehr so leicht geneigt, die Überlegenheit Paroos anzuerkennen. Es gab in der Folgezeit viel Streit und Ärger in diesem Zwinger, da sich der Altrüde natürlich keine Unbotmäßigkeit gefallen lassen konnte und entsprechend energisch durchgreifen mußte. Das sonst so liebenswert friedliche Bild einer intakten Hundefamilie war erheblich gestört.

Ich möchte an dieser Stelle aber anhand der beiden Beispiele noch zeigen, wie leicht es ist, etwas zu beweisen, wenn man nicht die ganze Geschichte erzählt. Ich spiele damit sehr bewußt auf jene Art der Tierbeobachtung an, die mehr von vorsätzlichen Meinungen als von sorgfältiger Prüfung aller erreichbaren Fakten getragen wird. Ich denke da besonders an Schilderungen von besonders klugen und umsichtig handelnden Hunden, wie sie der Traumwelt einer wirklichkeitsfremden »Lassie«-Filmindustrie entwachsen. Wenn ich nämlich nicht genau durch viele andere Beobachtungen wüßte, daß es zu einer gestörten Vater-Welpen-Beziehung kommt, wenn die Welpen vom Ende der Übergangsphase bis zum Ende der Prägungsphase mit dem Altrüden nicht zusammenleben, dann könnte ich jetzt die Beweiskraft der obigen Beispiele völlig zerstören, wenn ich sie durch bislang nicht erwähnte Fakten ergänze.

Es ist nämlich so, daß Paroo in völlig normalen Verhältnissen aufgewachsen ist und schon zweimal Welpen aufgezogen hatte. Artus hingegen war zunächst ein Einzelkind, das ich im Alter von vier Monaten von seinen Eltern entfernte, einige Zeit allein hielt und dann mit Arta — die genau ein Jahr älter ist als er — zusammentat. Sie war voll erwachsen, er aber noch ein Junghund. Die Folge war, daß er stets unter Artas Kommando blieb. Zwar versuchte er später oft, sich durchzusetzen, aber die clevere Arta verprügelte ihn dann derart, daß er humpelnd, mitunter sogar ein wenig blutend, mit eingeklemmter Rute durch den Zwinger schlich. Erst als Arta läufig wurde, ging es ihm besser, denn jetzt durfte er naturgemäß mitreden.

So besteht kaum ein Zweifel daran, daß dieser Rüde von vornherein etwas verhaltensgestört war, wozu kam, daß er bald nach der Hochzeit wieder unter den Pantoffel mußte, und schließlich mehr als elf Wochen allein lebte, ehe Arta wieder zurückkam.

Aber auch das ist noch nicht alles — es kommt noch viel schlimmer. Dingohündinnen mögen keine fremden Welpen, was sicherlich eine notwendige Einstellung im Freileben ist, wo die Härte des Daseins Konkurrenz für den eigenen Wurf nicht zuläßt. Nun war gerade zu jener Zeit, in der Arta und Artus dieses wenig freundliche Zusammenleben führten, dicht neben ihnen ein Welpenzwinger. Die Welpen liefen zutraulich — alle waren vaterlos aufgewachsen! — zum Gitter des Artus-Zwingers und wollten mit den Dingos spielen. Aber Arta dachte darüber anders und biß durch das Gitter kurz hintereinander einige dieser Welpen tot. Artus, der in gewissem Sinne von ihr »aufgebaut« worden war, beteiligte sich natürlich an diesem entsetzlichen Gemetzel.

Das ist nun die ganze Wahrheit, die manches verständlicher macht. Wer mein erstes Buch gelesen hat, wird sich vielleicht schon gefragt haben, wieso ich damals behauptete, ein intakter Rüde würde keinem Welpen etwas zuleide tun. Nun, das ist jetzt die Antwort darauf: Artus ist kein intakter Rüde gewesen, wenn er auch beim nächsten Wurf wieder weitgehend Normalverhalten gezeigt hat. Dazu muß ich abermals etwas ergänzen:

Arta hat ihn nämlich ganz schön verhauen, als er es erstmals wagte, seine Nase in die Hütte zu stecken, und hat ihm recht nachdrücklich klargelegt, daß es diesmal um ihre eigenen Welpen geht. Wenn man dann danach sehr genau aufpaßte, konnte man sehen, daß er seine recht normal wirkende Vaterrolle stets unter dem wachsamen Auge Artas spielte — anders, als das in normalen Hundefamilien ist, wo die Hündin nicht einmal ein Ohr bewegt, wenn ein Welpe unter den disziplinierenden Maßnahmen des Rüden laut aufschreit. Bei einem späteren Wurf machte er dann erneut Schwierigkeiten.

Ich hoffe, daß es mir jetzt gelungen ist, nicht nur zu zeigen, wie leicht man bei der Beobachtung von Hunden zu Fehlschlüssen kommen kann, sondern auch, wie sehr das Verhalten eines Hundes von seinem persönlichen Erleben geprägt wird. Ich denke da an so viele Briefe, in denen mir eine ganz bestimmte Reaktion eines erwachsenen Hundes mit größter Ausführlichkeit geschildert wurde mit der Frage, was ich davon halte. Was soll ich darauf antworten, wenn ich die Jugendentwicklung des betreffenden Hundes nicht in allen Einzelheiten kenne? Für mich jedenfalls gibt es keinen Zweifel: Die Einflüsse innerhalb des ersten Lebensjahres prägen den Hund, und sie können stärker sein als seine angeborenen Eigenschaften. Diese aber können wir überhaupt nur erst dann beurteilen, wenn wir eine genaue Kenntnis dessen haben, was alles in der Jugendentwicklung des Hundes umgestaltend auf seine vorgegebene psychische Grundstruktur einwirken kann. Und das soll uns wieder zurück zur Betrachtung seiner weiteren Entwicklung führen.



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Zuletzt geändert: 14.11.2000, 18:45:40