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Die Übergangsphase (3. Woche) Der
folgende Text ist ein Zitat von Eberhard Trumler aus seinem Buch:
In der Regel öffnen sich am 13. Lebenstag Lidspalten und äußere Gehörgänge, doch ändert sich damit für den Welpen zunächst noch nichts. Die Sehfähigkeit der Augen entwickelt sich erst um den 17. oder 18. Lebenstag, ist auch da noch recht unvollkommen und übt sich in den Folgetagen erst richtig ein. Ebenso ist es mit dem Gehör, und auch die Nase scheint erst jetzt so richtig zu erwachen. Jedenfalls kann man um den 18. Lebenstag herum beobachten, wie die Welpen nun alles mit der Nase zu untersuchen beginnen, vor allem die Geschwister, mit denen so erste Kontakte aufgenommen werden. Das erste gegenseitige Belecken kann man um den 17. Lebenstag beobachten, auch wird jetzt oft versucht, Ohren, Nasen oder Pfoten der Geschwister ins Maul zu nehmen. So verdient dieser Lebensabschnitt seinen Namen zu Recht. Es ist ein verhältnismäßig schneller Übergang vom reinen, völlig selbstbezogenen Saug- und Schlafstadium zum aktiven Entdecken der engeren Umwelt und zur ersten Aufnahme von Kontakten mit den Geschwistern, der erste Keim zu dem so vielschichtigen Sozialverhalten des erwachsenen Hundes. Soziale Verhaltensweisen selbst sind jetzt natürlich noch nicht entwickelt. Nur der Ausdruck freudiger Erregung in Form eines noch ungeschickten Wedeln mit dem kurzen Schwänzchen wird der Mutter dargebracht, wenn sie nach kurzer Abwesenheit ins Lager zurückkommt. Dann heben sich auch die Köpfe der Mutter entgegen, die Welpen versuchen, ihr Maul zu erreichen. Das ist aber nun ein bedeutsames Verhalten. Um den so entscheidenden 18. Lebenstag herum setzt nämlich die Hündin mit der Zufütterung ein, an der sich gewöhnlich auch der Rüde beteiligt. Sie würgt den Welpen einen Brei aus halbverdauter Nahrung vor. Hier sehen wir auch die erste große Lernleistung der Welpen, denn schon nach dem ersten Mal dieser Art von Zufütterung hat der Welpe gelernt, daß es auch aus dem Maul der Alten köstliche Nahrung gibt. Die angenehmen Dinge des Lebens lernt man eben am leichtesten. So wird also von nun an dem Maul der Mutter oder des Vaters größte Aufmerksamkeit geschenkt, und die Welpen entdecken, daß man die eigene Nase besonders gut an den Mundwinkeln der Alten einbohren kann und daß diese dann oft das Maul weit öffnen und, so vorhanden, den begehrten Futterbrei von sich geben. Offensichtlich stellt die kleine Welpennase hier auch einen auslösenden Reiz dar. Beim Welpen selbst sind die Mundwinkel sehr ansprechbar: Kitzelt man sie ganz leicht mit der Fingerkuppe, so kann man ein herzhaftes Gähnen auslösen. Diese erste wichtige Erfahrung prägt bei den kleinen Welpen Verhaltensmuster für das ganze Leben aus. Das Anbetteln der zum Lager zurückkehrenden Alttiere wird zu einem Begrüßungs- und Zuneigungsritual sowohl im innerartlichen Verkehr als auch dem Menschen gegenüber. Obgleich unser Gesicht doch so ganz anders aussieht als das eines Hundes, ist sich der Hund doch völlig klar, was unser Mund ist, und er möchte uns bei unserer Heimkehr mit dem herzlich gemeinten Mundwinkelstoß begrüßen; da wir aber unseren Kopf so hoch tragen, bleibt ihm nichts anderes übrig, als zu diesem Zweck an uns hochzuspringen. Beobachtet man so die Entstehung der Mundwinkelzuwendung unkritisch, wie ich das zuvor bewußt vorgeführt habe, dann ist man natürlich bereit, die Entstehung einer für den Hund sehr typischen Verhaltensweise aus einer Lernleistung abzuleiten. Nun ist es aber so, daß sehr viele unserer domestizierten Hündinnen den Welpen kein Futter vorwürgen, wohl, weil dieses Instinktverhalten verlorengegangen ist. Trotzdem entwickeln die Welpen solcher Hündinnen diese Verhaltensweise ganz genauso. Angeborenes Können, also Erbkoordinationen aller Art sind nun einmal von Erfahrung unabhängig, aber sie müssen nicht von Geburt an da sein, wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht gebraucht werden. Es genügt, daß sie erst dann reifen, wenn ihr Einsatz sinnvoll wird. So treten solche Erbkoordinationen also erstmals dann auf, wenn ihnen auch ein entsprechender Schlüsselreiz - in unserem Fall das Futtervorwürgen - geboten wird. So entsteht der Eindruck, als ob es sich um einen Lernvorgang handeln würde. Damit ist aber keineswegs ausgesagt, daß nicht gleichzeitig auch tatsächlich ein Lernvorgang dazukommt, gleichsam als Doppelsicherung. Wir müssen in dieser Hinsicht beim Hund ein wenig vorsichtig sein. Ich sagte schon, wie sehr er auf Lernen, auf das Sammeln von Erfahrungen zugeschnitten ist, und je mehr ein Organismus das ist, um so weniger tritt das angeborene Können in den Vordergrund. Während bei tieferstehenden Tieren, etwa Fischen oder Vögeln, das angeborene Können für die Erhaltung der Art dominiert und so im Vordergrund steht, daß deren zusätzliche Lernleistungen nur so ganz nebenher Lücken des Netzwerkes der Erbkoordinationen ausfüllen, sichert das Überleben der weitgehend auf Lernen zugeschnittenen Hunde vordergründig der Schatz an Erfahrungen, und in untergeordnetem Maße sorgen die angeborenen Verhaltensmuster für eine zusätzliche Lebenssicherung, ganz speziell aber auch dafür, daß überhaupt ausreichende Lernleistungen vollbracht werden. So ist der Hund sogar befähigt, in gewissen Fällen einsichtsvoll sein erworbenes Können (wir sagen auch: Erwerbkoordinationen) über bestimmte Triebe zu stellen, diese also zu unterdrücken. Bis einschließlich des 20. Lebenstages sind die Welpen immer noch an das Lager gebunden und fühlen sich in ihm so sicher und geborgen, daß sie keinerlei Angstreaktion kennen. Greifen wir mit der Hand in den Welpenknäuel, so wird sofort die neu erworbene Fähigkeit des Erkundens eingesetzt: sie schnuppern, lecken, nehmen einzelne Finger ins Maul. Das Lager ist für sie die Welt, und alles, was da hineinkommt, gehört einfach in diese Welt. Das ändert sich ganz spontan am 21. Lebenstag. Da erwacht plötzlich in ihnen der Trieb, der Mutter zu folgen, und sie verlassen erstmals das Lager. Was nun geschieht, kann man nur bei intakten Hundefamilien beobachten. Während die Hündin sich um die nachfolgenden Welpen überhaupt nicht bekümmert, gerät der Rüde förmlich aus dem Häuschen. Er springt unter allen Anzeichen höchster Freude umher und versucht, mit den Welpen zu spielen. Das geschieht allerdings nicht gerade rücksichtsvoll. Er stupst sie mit der Nase umher, wirft die noch recht unbeholfen laufenden Kinder mit den Pfoten um oder packt sie gar mit den Zähnen und wirft sie meterweit durch die Gegend. Wenn man das zum erstenmal sieht, hat man den Eindruck, der Rüde setze alles daran, die Welpen umzubringen. Aber die Welpen wissen sich zu helfen. Sie werfen sich laut schreiend auf den Rücken, und in diesem Augenblick wendet der Rüde sich ab. Das ist jene berühmte Sozialsperre, die bei normalen Hunden als Aggressionshemmer zuverlässig wirkt. Das Darbieten der Bauchseite und Kehle kann sogar Pflegehandlungen auslösen, wie sie Hundeeltern bei Welpen üblicherweise ausführen, also Bauchmassage mit der Zunge und Reizmassage der Ausscheidungsorgane. Auch unser braver Hund zeigt uns seine Unterwürfigkeit auf diese Weise an und will zum Zeichen, daß wir ihm gut gesinnt sind, am Bauch gestreichelt oder gekrault werden. Manchmal nützen Hunde diese Reaktion geradezu unverschämt aus. Ich beobachtete einmal, wie eine ranghohe Hündin eine rangniedere zwang, volle zwei Stunden so auf dem Rücken zu liegen. Es gab zunächst eine Streitigkeit, die schnell beendet war, da sich die rangtiefere Hündin gehorsam auf den Rücken gelegt hatte. Zufrieden marschierte die andere Hündin ab, behielt aber ihre Untergebene im Auge. Als diese meinte, die Angelegenheit sei abgetan und sich wieder auf die Beine drehen wollte, sprang die Widersacherin sofort böse knurrend heran, und die Hündin fiel wieder auf den Rücken. Das wiederholte sich innerhalb der zwei Stunden mehrmals, jedesmal mit größeren Abständen, wobei es zuletzt genügte, wenn die Ranghohe der Rangniederen drohend den Kopf zuwandte. Es war sehr komisch zu sehen, wie die Rangniedere zunächst brav auf dem Rücken lag, die Vorderpfoten eingewinkelt, den Schwanz eingeschlagen, die Schnauze senkrecht nach oben gerichtet. Wenn sie so einige Zeit völlig bewegungslos gelegen hatte, fing sie an, den Kopf im Zeitlupentempo zu drehen, um nach der Widersacherin Ausschau zu halten. Reagierte die nicht, dann streckte sie ganz langsam den Schwanz, streckte vorsichtig ein Hinterbein und bewegte eine Vorderpfote. Wenn sie dann von der Gegnerin scharf angesehen wurde, fiel sie sofort wieder voll Resignation in ihre schützende Ausgangslage zurück. Ab und zu schlenderte die Zwingerkönigin (übrigens die Mutter der unterlegenen Hündin) gelassen vorbei und überzeugte sich durch Inspektion der Liegenden von deren Gehorsam. Auch diese Situation war ein schönes Musterbeispiel dafür, wie bei einem Hund Angeborenes und Erfahrung sowie Einsicht zu einem Ganzen so eng verwoben werden können, daß es ohne sorgfältiges Studium von Einzelreaktionen kaum möglich ist, Ererbtes und Erworbenes im Verhalten auseinanderzukennen. Der erstmals das Lager verlassende Welpe aber, der sich vor seinem spielwütigen Vater auf den Rücken wirft, handelt nicht einsichtig, denn diese Erfahrung hat er ja bislang noch nie machen können - er folgt allein seinem Trieb. Sicher wird aber späterhin diese angeborene Reaktion auf den Angriff eines Stärkeren von aus Erfahrungen geschöpften Einsichten begleitet werden. Doch sehen wir nun, was weiter geschieht. Der Rüde hat sich von dem auf dem Rücken liegenden und laut schreienden Welpen abgewandt, um sich auf einen anderen zu stürzen. Der erste aber läuft so schnell, als ihn die kurzen, ungeübten Beinchen tragen können, dem vertrauten Lager zu und verschwindet darin. Bald haben sich alle Welpen hier versammelt und sind um eine große Erfahrung reicher: Außerhalb des Lagers gibt es sehr unangenehme Erlebnisse, innerhalb des Lagers ist Geborgenheit. Der Rüde nämlich, der auf seine Weise zu dieser Erfahrung beigetragen hat, verfolgt die Welpen nicht bis in das Lager hinein. Seine augenscheinlich so überschäumende Spielfreudigkeit ist sofort zu Ende, sobald alle Welpen wieder im Lager sind, und das legt uns nahe, daß es sich um eine Erziehungsmaßnahme handelt, die von weittragender Bedeutung ist. Auf eine weitere, für das Leben der Welpen entscheidende Bedeutung dieses Vorganges werde ich in dem Abschnitt über Selektion noch mehr zu berichten haben. Hier mag uns vor allem der Umstand interessieren, daß zunächst einmal die Welpen die ungeheuer große Überlegenheit des Vater-Rüden in ganz einschneidender, vielleicht sogar schockartiger Weise erfahren haben; außerdem, daß die Welpen das Lager von diesem Zeitpunkt an nicht mehr als abgeschlossene Welt ansehen. Sie beginnen zu ahnen, daß es Bekanntes und Unbekanntes gibt, und wenn man seine Hand erstmals in das Lager von Welpen steckt, die über 21 Tage alt sind, wird man erleben, daß sie sich ängstlich zurückziehen und sogar drohend knurren - ihre blinde Vertrauensseligkeit der Frühkindheit ist Mißtrauen vor dem Unbekannten gewichen. |
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