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Die
vegetative Phase (.1. und 2. Woche) Aber wenden wir uns jetzt den neugeborenen Welpen zu. Mit ihrem Austritt aus dem schützenden Mutterleib beginnt für sie das Leben in dieser Welt mit einem dünnen Schrei. Dabei wird das Mäulchen weit aufgerissen, die Zunge hervorgestreckt, und der erste, jenen Schrei erzeugende Luftstrom, der aus ihrer ~ Brust herauskommt, fördert einige Schleimrückstände aus den Atemwegen. Sobald ihn die mütterliche Zunge freigibt, kriecht der Welpe mit aller Entschlossenheit auf dem Bauch zum Bauch der Mutter, und nach kürzerem oder längerem Suchen findet er auch schon die Milchquellen. Sein darauf folgendes Schmatzen ist unüberhörbar. Nun wird so ein Welpe mit verschlossenen Augenlidern und Ohren geboren. Versuche haben gezeigt, daß auch sein Geruchssinn noch nicht wesentlich ausgebildet ist. Wie also findet der Welpe zu den Zitzen? Welche Kräfte treiben ihn überhaupt an, das zu tun? Wieso weiß er, was er tun muß? Wir müssen uns an dieser Stelle mit einigen Elementen der Verhaltensphysiologie näher vertraut machen, nicht nur deswegen, um die eben gestellten Fragen zu beantworten, sondern auch, um überhaupt die entscheidenden Schwerpunkte der weiteren Welpenentwicklung besser durchschauen zu können. Sie werden für uns von größter Bedeutung sein, wenn wir aus dem Welpen einen Hund im besten Sinne und nach unserem Herzen werden lassen wollen. Man spricht gemeinhin von Instinkten und denkt, damit wäre alles erklärt. Aber so einfach ist es nun einmal nicht. Die Verhaltensforschung hat längst das etwas vieldeutige Wort Instinkt durch den Begriff der Erbkoordinationen ersetzt oder die oft komplexen und schwer durchschaubaren Instinkthandlungen in solche aufgelöst. Eine Erbkoordination ist eine erblich festgelegte Bewegungsweise, die von bestimmten Umweltsituationen ausgelöst wird und dann zwanghaft abläuft. »Schlüsselreize« nennt man solche Auslöser, weil sie gleichsam ein Schloß aufsperren, wodurch die Erbkoordination freigesetzt wird. Das wieder ist dadurch möglich, daß in bestimmten Nervenzentren beständig Impulse erzeugt werden, die zur Entladung, also zum Ablauf der betreffenden Erbkoordination drängen. Sie werden aber von anderen Nervenzentren blockiert. Diese Blockade wird sofort aufgehoben, wenn über die Sinnesorgane ein passender Schlüsselreiz gemeldet wird. Wichtig ist dabei, daß durch die beständige Erregungsproduktion die aufgestauten Impulse gleichsam immer mehr unter Hochspannung stehen, je länger kein Schlüsselreiz auftrat, der eine Entladung herbeigeführt hatte. Das bringt dann mit sich, daß es zu einer Erniedrigung der Reizschwelle kommt, das Tier spricht also auf den geeigneten Schlüsselreiz auch dann an, wenn er nur von geringer Intensität ist und von einem normal abreagierten Tier gar nicht beantwortet werden würde. Das kann sogar soweit gehen, daß es irgendwann einmal auch ohne Schlüsselreiz zur Entladung der aufgestauten Energie kommt, die Erbkoordination bzw. Bewegungsweise läuft ab, ohne irgend etwas zu beantworten - was man als »Leerlaufreaktion« bezeichnet. Setzen wir diese theoretischen Ausführungen in ein praktisches Beispiel um: Die haarlose, zapfenförmige Zitze ist für den Welpen so ein Schlüsselreiz. Wird sie ihm über Sinnesorgane - in diesem Fall durch den Tastsinn - signalisiert, löst das eine Erbkoordination aus, nämlich das Umfassen der Zitze mit dem zu diesem Zweck: beim Saugwelpen besonders ausgeformten Maul. Aber schon wirkt dieser neue Berührungsreiz als SchlüsseIreiz, der eine Blockade aufhebt, und das für Hunde typische Lecksaugen ( also ein Saugen, bei dem die Zunge massierende Bewegungen ausführt) folgt. Setzt man einen solchen Welpen nun von der Mutter ab und gibt ihm keine Möglichkeit, an etwas zu saugen, kann man das Auftreten von Leerlaufreaktionen nach längerer Zeit beobachten: Der Welpe öffnet sein Maul, als wollte er eine Zitze erfassen, und er saugt unter den typischen Mundbewegungen eben ins Leere. Der Erregungsstau ist zu groß geworden, die normale Blockade wird durchbrochen. In so einem Zustand ist aber auch der Welpe bereit, an Dingen zu saugen, an denen er vorher nicht gesaugt hätte, denn sein Schwellenwert ist erniedrigt, er ist nicht mehr so selektiv. Nimmt man einen Welpen von der mütterlichen Zitze ab und hält man ihm den Finger hin, so interessiert ihn dieser nicht. Holt man aber einen Welpen gegen Ende einer Schlafpause aus dem Lager, so ist er bereit, es mit unserem Finger zu versuchen. Der neugeborene Welpe bringt nichts anderes mit auf die Welt als einige wenige solcher angeborener Bewegungsweisen. Auch die Lautäußerungen müssen wir natürlich mit berücksichtigen. Er gibt sofort Laut, wenn ihm irgend etwas abgeht oder unangenehm ist. Das ist sehr wichtig, denn ein solcher Laut ist wieder ein Schlüsselreiz für die Mutter - sie wendet sich sofort dem Welpen zu. Das Geschrei des kleinen Saugwelpen ist eigentlich eine Dauerleistung, die nur durch bestimmte Dinge unterbunden wird. Er wird gleich wieder still, wenn er Wärme und Anlehnung findet, sei es am mütterlichen Körper, oder inmitten seiner Geschwister. Er schreit, wenn er von seiner Zitze verdrängt wird, und beruhigt sich sofort, wenn er sie wieder hat oder eine andere findet. Dabei hilft dann oft die Mutter mit ihrer Nase mit, indem sie den Welpen zurechtschiebt. Besonders wichtig wird dieses Unwillensgeschrei, wenn der Welpe durch irgendeinen Zufall aus dem Lager gerät. Sofort ist die Mutter da, faßt ihn vorsichtig mit den Zähnen und legt ihn wieder ins Lager. Auch das ist übrigens eine Reaktion, die viele überzüchtete Hündinnen nicht mehr zeigen. Dingomütter lassen da oft eine übertriebene Ängstlichkeit erkennen. Legt man ihnen einen Welpen neben das Lager, dann wagen sie nicht, das Junge mit den Zähnen zu erfassen, sondern bemühen sich, oft unter verzweifelten Klagen, den Welpen mit der Nase zurückzuschieben. Andere wieder fassen ihn, wo sie ihn zu fassen kriegen, am Kopf, an einem Bein oder mitten am Rumpf und legen oder zerren ihn ins Lager zurück. Ich habe einmal gelesen, daß sich ein Welpe zehn Meter weit vom Lager entfernt habe und, von der Mutter unbeachtet, danach unter einer Hundehütte lag. Im vermute, daß ihn die Mutter selbst dort aus irgendwelchen Gründen abgelegt hat. Denn Welpen, die noch blind sind, kriechen niemals geradlinig dahin, sondern immer im Kreis. Dieses Kreiskriechen ist auch so ein angeborene Verhaltensweise, die dazu dient, den Welpen schön dicht am Lager zu halten. Auch paßt diese Fortbewegungsform gut zu dem Brauch, eine flache Grube als Wurflager herzustellen. Da kann ein Welpe nicht so leicht verlorengehen! Wir sprachen davon, daß der Welpe Wärme und Anlehnung sucht. Bei seinen Bemühungen in dieser Richtung hilft ihm auch eine eigenartige Kopfbewegung: Sein Kopf pendelt förmlich von einer zur anderen Seite, ebenfalls eine angeborene Bewegungsform, mit der ihm viel geholfen ist. Sitzen doch die Hauptorgane zur Umweltwahrnehmung vorne auf der Schnauze. Erstaunlich mag scheinen, wie gut ein Welpe gleich nach der Geburt den immerhin verhältnis-mäßig großen Kopf schon hochheben kann.. Auch das braucht er dringend. Wenn er nämlich an den Baum der Mutter gelangt, muß er ja erst die Zitzen suchen. Dazu dient ihm das »Fellbohren«, ein Hochschieben der Nase unter dem Fell, das er damit lüftet. So wühlt er sich durch das Baumfell, bis er das Gesäuge findet. Beim Saugen selbst können wir noch zwei Bewegungsweisen finden: zunächst das Abstemmen mit den Hinterbeinen am Boden, um einmal an der Zitze zu bleiben, zum anderen auch mit dem Kopf kräftig gegen die Milchdrüsen zu stoßen, was wohl - wie der ähnliche Euterstoß beim Kalb - die Milchproduktion anregt. Dieser Aufgabe dient dann aber noch das auffallende alternierende Bepföteln des Gesäuges mit den Vorderpfoten, der Milchtritt. Damit haben wir nun alles beschrieben, was der Welpe von Geburt an kann. Es ist nicht viel, aber es genügt für die ersten zwei Wochen vollauf. In dieser Zeit ist der ganze Lebenszuschnitt des Welpen auf Gewichtszunahme abgestimmt - er verdreifacht jetzt sein Geburtsgewicht. Daher besteht sein ganzer Daseinsinhalt aus Trinken und Schlafen, und für diese beiden Beschäftigungen ist er ausgezeichnet ausgerüstet. Wer Hunde züchtet, sollte diese ersten Reaktionen des neugeborenen Welpen sehr genau beobachten und verfolgen. Wenn ein Welpe sie schwächer, inaktiver, langsamer zeigt als seine Geschwister, dann heißt dies, daß sein Nervensystem und damit sein allgemeiner Zustand nicht in Ordnung ist; Sein »Biotonus«, wie ich diese Lebensenergie genannt habe, ist schwach, und sollte er dennoch hochkommen und heranwachsen, wird es nie und nimmer ein gesunder Hund. Denn man darf nicht vergessen, daß aus dem, was der Welpe in der Stunde seiner Geburt mitbringt, einmal alles das werden soll, was ein erwachsener Hund haben muß, um ein guter Hund zu sein. Wenn dieses »Ausgangsmaterial« bereits nicht viel taugt, was ist dann für die Zukunft zu erwarten? Wir wissen, daß alle jene wenigen Verhaltensweisen, die wir am neugeborenen Welpen beobachten können, ihren Sitz im verlängerten Rückenmark und im Zwischenhirn haben. Das sind die ältesten Gehirnanteile, gleichsam die Basis für das übrige Gehirn, das jenen Anteilen aufgelauert ist und das zur Stunde der Geburt kaum noch arbeitet. Wenn also diese Basis bereits geschwächt ist, kann man schwerlich erwarten, daß die später in Funktion tretenden höheren Gehirnleistungen viel besser werden. Doch nehmen wir an, vor uns ist ein Wurf wirklich gesunder, lebenskräftiger Welpen, und fragen wir, eingedenk der Tatsache, daß Hunde soziale Lebewesen sind, ob man schon etwas von dieser so hervorragenden Eigenschaft sehen kann. Die Antwort ist ein glattes »Nein«. Wenn die fünf oder sechs Welpen so eng aneinandergeschmiegt ihre Schlafpause machen, sieht es ein wenig danach aus, als ob das etwas mit Sozialkontakten zu tun habe. Nimmt man einen Welpen weg und setzt ihn allein, dann schreit er kläglich und will wieder zu seinen Geschwistern. Aber er ist auch zufrieden, wenn wir ihn mit einem angewärmten WoIItuch oder Gummiball zusammenbringen. Es geht ihm nicht um die Geschwister, sondern um seine eigene Sicherheit. Er ist absoluter Egoist (ohne es zu ahnen), ausgestattet mit einem Sicherungsmechanismus. Unter natürlichen Bedingungen ist dort, wo es warm und weich ist, das Lager, und da, wo man allein ist, Gefahr. Das ist wohl die Funktion des Kontaktliegens der Welpen. Aber bereits hier gibt es ein Lernvermögen. Läßt man, wie ich das mehrfach gemacht habe, einer Hündin nur einen einzigen Welpen, dann schreit er nicht, wenn die Hündin das Lager verläßt und er allein zurückbleibt. Er findet sich damit ab, daß er sich mit sich selbst begnügen muß. Man möchte das gar nicht für möglich halten, wenn man erlebt, was so ein Welpe aufführt, den man dreißig Zentimeter neben seine Geschwister legt. Das Einzelkind aber ist ganz still und brav und tut so, als gäbe es diesen Drang zum Kontaktliegen überhaupt nicht. Wenn es beim Kontaktliegen um ein echtes soziales Bedürfnis ginge, dann müßte so ein Einzelkind irgendeinen seelischen Schaden erleiden. Das ist aber nicht der Fall. Meine farbverblaßte Dingohündin Arta zum Beispiel war so ein Einzelkind. Sie ist heute vier Jahre alt und ein ganz normaler, liebenswürdiger Dingo wie jeder andere auch. Ich muß allerdings dazu sagen, daß sie nach der dritten Lebenswoche ausreichend Gelegenheit hatte, mit Welpen passenden Alters engen Kontakt aufzunehmen, und das war entscheidend für ihre normale Entwicklung. Sowenig wie es einen Sozialbezug gibt, sowenig gibt es irgendein Interesse für die Umwelt, sieht man vom Gesäuge der Mutter ab, das den Mittelpunkt des frühen Welpenlebens darstellt. Der Ausdruck »vegetativ« für diese Phase könnte nicht besser gewählt sein. Es ist wirklich nichts anderes als eine Fortsetzung des unbewußten Lebens im Mutterleib, ein Zeitraum, der nur dem Wachstum und der Gewichtszunahme dient. In diesem Zusammenhang sei noch hinzugefügt, daß die festen und flüssigen Ausscheidungen der kleinen Freßsäcke auch eine Angelegenheit der Mutter sind. Zunächst erzeugt diese in den ersten 24 Stunden eine abführend wirkende Milch (die sogenannte Kolostralmilch), durch die - das Darmpech (Verdauungsrückstände aus der vorgeburtlichen Zeit) abgeschieden wird. Dieses, wie alle späteren Fäkalien, wird sorgsam von der Mutterhündin abgeleckt. Man kann immer wieder sehen, wie die Hündin mit ihrer Zunge die Bäume der Welpen bearbeitet, eine Massage, die den Stuhlgang der Kleinen erleichtert, und auch das Urinieren wird durch Zungenmassage ausgelöst. Obgleich die Saugwelpen eine sehr kräftige und bewegliche Zunge haben, säubern sie sich noch nicht selber das Maul von Milchrückständen. Auch das muß die Mutter tun, die sich überaus hingebungsvoll allen diesen Tätigkeiten widmet. In den ersten 24 Stunden nach der Geburt ist sie so angestrengt damit befaßt, daß sie für gewöhnlich das Wurflager überhaupt nicht verläßt. Gute, erfahrene Rüden kommen dann mit Futter an, womit sie sich auch gleich die Erlaubnis erwirken, den hoffnungsvollen Nachwuchs betrachten zu dürfen. Von da ab beteiligt sich der Rüde aktiv an der Welpenbetreuung, wobei er mit den Kleinen ebenso geschickt umgeht wie die Hündin. Man hört oft davon, daß Welpen von der Hündin erdrückt werden. Mir ist das bei rund 60 Würfen niemals untergekommen, und ich war gleich Emil Hauck, dem bekannten Hundefachmann, der Meinung, daß es sich in solchen Fällen stets nur um Totgeburten handeln könne. Auf einen toten Welpen legt sich eine Hündin schon einmal drauf, er sagt ja keinen Ton dazu; außerdem fallen tote Welpen So flach zusammen, daß sie wie plattgewalzt aussehen können. Inzwischen bin ich eines Besseren belehrt worden. So hat mich die bekannte Münchener Doggenzüchterin Anneliese Meyer darauf aufmerksam gemacht, daß große - übergroße Hunde beim Hinlegen gewisse Schwierigkeiten haben und nicht in der Lage sind, den Liegeplatz mit solcher Präzision neben den Welpen einzunehmen, wie das eine gelenkige mittelgroße Hündin kann. Legt sich eine solche Hündin aber wirklich einmal versehentlich auf einen Welpen, drückt sie ihn nicht gleich tot, zumal sie sich ja ganz sacht zu Boden gleiten läßt und den Welpen rechtzeitig unter sich spürt. Eine Dogge muß sich zu Boden plumpsen lassen, sie kann ihr großes Körpergewicht nicht So beherrschen, und da kann es natürlich leicht passieren, daß ein Welpe wirklich erdrückt wird. |
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